m red


Du schaust mich an, wehmütig, fast mitleidig, irgendwie entschuldigend. Dein Achselzucken untermalt deinen Blick. Die Worte stehen dir ins Gesicht geschrieben. Auf der Stirn steht: Ich weiß,; deine Wangenknochen sind geziert von du hast dir das irgendwie anderes vorgestellt und auf deinem Kinn prankt in Großbuchstaben: SORRY. Ich verzeihe dir, nicht weil du es bist, neein, dieser Punkt verblasste schon lange als Anlass zum Verzeihen. Ich dachte an meine Großmutter, sie sagte mal die folgenden Worte: "Reue gibt es nicht, wenn man sie nicht zulässt." Also bereue ich das nicht, ich mache mir vor, nichts zu bereuen, überhaupt nichts.
Du ziehst an deiner Zigarette, Malboro Red - klassisch -, so lange, dass es schon allzu unnatürlich und komisch aussieht. Du hast mir erzählt, warum Malboro Red so eine wichtige Bedeutung für dich haben, aber ich hab es irgendwie vergessen. Obschon, irgendwo in meinem Hirn steckt noch diese Erinnerung, doch sobald ich mich darauf konzentriere, entflieht sie mir. 'Paar Bruchteile hab ich noch: Kind, Heim, bester Freund, Selbstmord, Blut. Irgendwie so. Stellt dich das zufrieden? Ich meine, du weißt sicher auch nicht mehr von meinen Geschichten. Obwohl es mich so viel Vertrauen kostete, sie dir zu erzählen, ebenso viel Mut, und ich nahm in Kauf, erneut an die schlimmen Geschehen, die ich doch so gerne verdrängte, denken zu müssen. Früher hast du mir zugehört, du hast dich um mich gesorgt, sobald ich traurig war, hast du deinen Kopf immer schief gelegt. Du hast mich fragend angeschaut. Und jedes Mal habe ich fast geweint, weil mir noch nie ein Mensch zuvor so viel Aufmerksamkeit schenkte, noch nie hatte jemand wirklich Interesse an mir. Doch jetzt, wenn du mich ansiehst, spüre ich, wie egal dir meine Vergangenheit ist, du schaust mich an, als wäre ich ein unbeschriebenes Blatt, als hätte ich noch nie Leid erfahren.
Rauchringe, Rauchringe. Wie interessant du immer auf mich wirktest. Du warst so geheimnisvoll, du hast immer ein bisschen von deiner wahren Persönlichkeit - war sie das eigentlich wirklich; wahr? - hinter deinem rauen Vorhang durchblitzen lassen, doch nie zu viel.
Du drückst die Zigarette auf dem Boden aus, ist ja nur Linoleum. Auf dem Boden liegt Ruß, und gerade, als ich es wegwischen will, kommst du mir zuvor. Wie immer, nicht wahr?
Schachtel auf, nächste Zigarette.
Und ich lasse meine Gedanken weiter gleiten.
Schachtel auf, nächste.
Ich denke, ich denke nach.
Schachtel auf, es hört nicht auf.
Du rauchst als wärst du Millionär, doch ich tadle dich langer nicht mehr deshalb.
Erinnerst du dich noch an unseren häufigsten Streit?
"So viel Geld für Zigaretten! Wer denkst du, wer wir sind? Denkst du wirklich, ich werde mit dir zusammenziehen, wenn du so verantwortungslos mit dem Geld umgehst?"
Du hast mich immer emotionslos angestarrt, doch nein, irgendwie hast du es immer geschafft durch mich hindurch zu schauen. Dann hast du deine Schachtel Malboro Red genommen, und bist einfach weggegangen. Ich habe mal 64 Stunden nichts von dir gehört, damals hatte ich so viel Angst, dass dir etwas zugestoßen sei, dass du vielleicht umgekommen bist. Kennst du das, wenn Ängste und Sorgen zu Wünschen werden?
Naja, mittlerweile gibt es diese Streits nicht mehr, schließlich klaust du dir jetzt deine Zigaretten. Ich sollte das zwar nicht gutheißen, aber besser, als dass ich mich vor lauter Geldnot noch prostituieren müsste.

Nach deiner siebten Zigarette packst du die Schachtel weg, genau genommen wirfst du sie in eine Ecke. Wir haben nicht viel Geld, doch wir haben beschlossen, auszuziehen, aufzugehen. Wie Blumen. Wir waren Raupen und nun entschlüpfen wir aus unserem Cocon und fliegen als wunderschöne Schmetterlinge in die weite Welt. In Wirklichkeit sind wir einfach durchgebrannt, in die nächste Großstadt, um ach-so-überglücklich in einer 5qm Wohnung ohne auch nur ein einziges Möbelstück zu versauern.
Du schaust mich wieder an, kurz mit diesem Blick, der mich damals veranlasste, dich zu lieben. Ich weiß, du meinst es immer noch gut.
Ich schließe meine Augen.

Du sitzt da, isst eine Zigarette, du bist zerstreut, ich weiß nicht was los ist.
"Byron, hast du Drogen genommen?"
Ich bin besorgt, frage mich, was nur los ist.
Du atmest, ganz leise, doch ich höre, wie dir jeder Atemzug schwerfällt.
Wegen der Last, die auf deiner Brust liegt? Doch eher wegen der Last, die in deinen Lungen liegt.
Du schaust mich nicht an, du registrierst mich nicht. Auf einmal schnellen deine Augen hin und her, und ich bekomme Angst. Sollte ich einen Krankenwagen rufen?
Deine Augen bewegen sich weiterhin, unkontrolliert, ansonsten bist du ganz starr. Als ich dich antippe, merke ich, dass du schläfst. Ein Muskel in deinem Bein zuckt, und deine Augen hören auf, sich zu bewegen. Du öffnest langsam deinen Mund und beginnst du sprechen.
Es ist kalt, unheimlich kalt, und bei jedem Wort, das du behutsam sprichst, sehe ich einen Nebelhauch.


"Als ich 15 war, habe ich angefangen. Rauchen, tu das nicht. Rauchen, das ist schlecht. Rauchen, rauchen, rauchen. Immer hat man was davon gehört, nur dass dies nicht abschreckte, es machte neugierig. Ich habe mich durchprobiert. Angefangen hatts mit L&M, irgendwann auch diese Designermarken. Davidoff. War irgendwie interessant, spannend. Mein Kumpel, er hat immer nur Malboro Red geraucht. MRed, kurz. Diese Nacht. Ich hatte mich abends rausgeschmuggelt, um etwas feiern zu gehen, ich kam, dann, mitten in der Nacht zurück. Ich habe meine Zimmertür geöffnet. Und geschrieen. Nein. Nein. Nein."

Ich konnte nicht mitzählen, wie oft du Nein sagst. Auf einmal beginnst du zu zucken, dein ganzer Körper schüttelt sich. Ich setzte mich sofort zu dir, nehme dich in die Arme, wiege dich hin und her, wie ein Baby, hoffe, dass es helfen könnte.
Und ja - ich weiß nicht, ob es tatsächlich half und was da gerade wirklich passierte, doch du beginnst wieder zu sprechen.

"Wir alle lieben doch Horrorfilme? Wer tut das nicht? Wer liebt keine übermäßigen Gewaltdarstellungen? Wer lebt sich nicht in seiner Fantasie brutal aus? Ich kenne die Antwort. Ich nicht. Nie wieder, nachdem ich das sah, als hätte es meinen gesamten Bedarf an Bestialität gedeckt. Ich kann mich an kaum etwas erinnern, so sehr wünschte ich es zu verdrängen. Das größte Problem ist vor allem das Wieso?. Und ich ertappte mich oft dabei, mich zu fragen, ob ich es hätte verhindern können. Ob es passierte, weil ich nicht da war. Man hat mich immer damit getröstet, dass es nur passierte, als ich nicht da war, weil er auf meine Abwesenheit wartete. Doch das war nie tröstend, im Gegenteil, wie ich es drehte und wendete, ich war schuldig. Ich hätte mir diese 8 verdammten Buchstaben auf die Brust tätowieren sollen. Ich dachte immer Schmerz kompensiert man mit Schmerz. Ich dachte, ich dachte, ich hätte das gleich beenden sollen, alles."


Du schnappst tief Luft. Ich merke, dass du vollkommen bei Bewusstsein bist, so wie du sprichst, das kannst du nicht im Traum erzählen, nicht mal nebenbei. Wie ich später erfuhr, hast du aber wirklich nicht realisiert, wovon du sprichst. Doch diese Geschichte, du hattest sie dir angeblich schon so oft erzählt, eine wunderschöne Gutenachtgeschichte zum Einschlafen, dass du sie auch im Schlaf immer weitererzählen konntest. Du hast gerne darüber gesprochen, als hättest du dir das alles ausgedacht, als wäre das der wunderbare Schriftsteller in dir gewesen, doch keine ausgedachte Geschichte kann solche Wunden hinterlassen. Und schon gar nicht so viel Sinn in der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit ergeben.


"Er lag da, der Mensch, der mir als pubertierenden Teenie immer den Weg zeigte, der Mensch, der meinem Leben Halt gebot und meine größte Stütze war. Hätte er sich doch erhängt. Sich verdammt nochmal den goldenen Schuss gegeben, er war doch so ein Junkie. Meinetwegen hätte er sich auch lieber ein paar Schlaftabletten einwerfen können. Doch keinem 16-Jährigen ein solches Grausames Standbild gebieten. Nein, wie konnte er."

Und du
schluckst die Luft herunter, bis du dir neue zum Sprechen holst.

"Ich wurde in die Psychiatrie geschickt, vielleicht hätte ich dort bleiben sollen."

Jetzt schaust du mich aufeinmal an. Du sprichst zu mir.


"Ich kam rein, und ich sah im ersten Moment nur Rot. Dein Blut, es war überall. Deine Unterarme waren aufgeschnitten, doch nicht mit einem geraden tiefen Schnitt, nein, du hast sie dir aufgerissen. Kaum Haut mehr dran, dein Fleisch quoll raus und deine Venen und Arterien hingen hinaus. Bis dato wusste ich gar nicht, dass Blutgefäße eigentlich farblos sind. Du sahst aus wie ein Kabel nach einer Nagetierattacke. Du hattest nur eine Hose an und als ich dich aus deiner Liegeposition aufrichtete waren überall auf deinem Rücken blauviolette Flecken, und deine Gelenke, sie waren so starr. Deine linke Hand hatte noch ein Souvenir. Eine halbgerauchte Malboro Red, die letzte Zigarette die du geraucht hattest. Ich habe mir in dem Moment, in dem ich das sah, geschworen, ich werde diese Zigarette für dich zuende rauchen. Es war eine Selbstverständlichkeit, als würdest du natürlich das gleiche für mich machen. Doch dann erstarrte ich, ich hab nur noch geschrieen. Die Betreuerinnen kamen, und nur eine ging ins Zimmer, sie rannte schreiend raus, zerrte mich mit, rief einen Krankenwagen, die Polizei, die Feuerwehr, das volle Programm. Und ich hörte nicht mehr auf zu schreien. Und als ich es doch tat und meine Kiefermuskeln entspannte, vernahm ich stundenlang das Echo meines Schreis, wohl eingebildet, doch Einbildung und Realität konnte ich sowieso nicht mehr unterscheiden. Und ich habe diese verdammte Zigarette nicht für dich zuende geraucht. Aber schau mich an, so wahr ich hier sitze, ich werde jede andere Malboro Red für dich zuende rauchen. Du bist doch mein bester Freund. Ich werde nie aufhören, nur für dich, du wirst weiterleben, im Rauch, überall."

Du klopfst mir auf die Schulter. Und dann kippst du nach hinten um. Dachtest du gerade, ich wäre.. ach egal. 


Ja, ich wollte es nicht zugeben. Doch ich erinnere mich an jedes Detail deiner Geschichte, ich erinnere mich an jedes Wort, dass du mir je sagtest. Und jetzt sitze ich hier neben dir, und ich realisiere, dass ich irgendwo, in den düstersten Ecken meines Herzens - wem mach ich was vor, das Herz ist ja nicht mehr als eine Pumpe - immernoch die gleiche Liebe für dich verspüre.Also lächle ich dich an, glücklich, dass du endlich deine Marlboro weggelegt hast und umarme dich. Und jetzt sprichst du die Worte aus, die dir zu unangenehm und peinlich waren.
"Ich weiß, du hast dir das irgendwie anders vorgestellt. Sorry. Ich mir auch. Ich dachte, wir würden unser eigenes kleines gemütliches Heim haben, nicht diese karge Wohnung, die mitsamt Atmosphäre unangenehmer ist als eine Zelle in der forensischen Psychiatrie, und das hat etwas zu heißen. Doch wenn ich den ganzen Raum mit Zigarettenrauch fülle, dann fühle ich mich wenigstens ein Stück wohler. Und wenn du hier bist, an meiner Seite, noch ein ganzes Stück mehr."
Jetzt schaust du mich an, erwartest eine Reaktion. Ich nicke still, langsam. Dein Blick durchdringt mich erneut, deine Augen sind starr. Sie sind ganz kalt und bleich, fast komplett grau, sehr trüb und nebelig.
Du kehrst mit deiner Hand die Asche auf dem Boden zusammen zu einem kleinen Häufchen. Du hustest ein paar mal, leckst dir über deine trockenen Lippen. Früher hattest du deine Haare immer total kurz, nie mehr als 5mm. Weniger Aufwand, so hast du argumentiert. Mittlerweile sind sie ein bisschen gewachsen, nicht weil du deine Meinung geändert hast, es wurde nur zu viel Aufwand, sie kurz zu schneiden. Ich stehe auf, schnappe mir die Fingernagelschere, die ich immer in meiner Handtasche mitführe und gehe zu dir. Ohne zu fragen, fahre ich mit meinen Fingern durch deine Haare, schneide sie ab, so gleichmäßig wie möglich. Hier und da fehlen dir ein paar Haare, leider kein Zeichen des Alterns, ich weiß, du hast sie dir rausgerissen. Du fegst die heruntergefallen Haare zusammen, so wie du es mit der Asche machtest.
Dann sitze ich dir wieder gegenüber, wir schauen uns an, wortlose Kommunikation. Alles fühlt sich so trist und monoton an, unser Dasein ist der Inbegriff der Melancholie.
Ich streiche dir übers Gesicht, deine Bartstoppeln sind hart und rau, ich erfühle ein paar kleine Schnitte, die vom letzten Rasieren geblieben sind.
Du nimmst meine Hand in deine Hände, streichst mit dem Daumen über meinen Handrücken.
Ich lächle dich an, ich machte das schon lange nicht mehr.
"Alles ist schon okay", flüstere ich, so leise, dass du es eigentlich kaum hättest verstehen können.
Du schluckst, bevor du zu sprechen beginnst. "Es tut mir alles so leid."
Und egal, wie viel passierte, ich sitze noch bei dir.

Kommentare:

Honey hat gesagt…

Hi :)
Ich bin vor ein paar Wochen (2 um genau zu sein) auf deinem Blog gestoßen, wegen dem Tattoo Post. Seitdem habe ich mir fast jeden Post durchgelesen und muss sagen, dass sie gut sind. Ich weiß teilweise nicht was von dir und was eine Geschichte ist.
Aber sie sind alle sehr gut, vorallem dieses melancholische.
Grüße Honey ♥

Honey hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Honey hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Honey hat gesagt…

Hi :)
Ich bin vor ein paar Wochen (2 um genau zu sein) auf deinem Blog gestoßen, wegen dem Tattoo Post. Seitdem habe ich mir fast jeden Post durchgelesen und muss sagen, dass sie gut sind. Ich weiß teilweise nur nicht was von dir und was eine Geschichte ist. :/
Aber sie sind alle sehr gut, vorallem dieses melancholische, was in so ziemlich jeden Post mit durch kommt. Dadurch werden sie meiner Meinung nach etwas spannender. :)
Grüße Honey ♥

sommerschnee hat gesagt…

Ich bin mir da teilweise auch nicht mehr ganz sicher.
Ich weiß auch nicht, irgendwie habe ich diesen Blog so lange vergessen, aber irgendwie war es schön dein Kommentar zu lesen. Danke dafür, irgendwie habe ich durch dich wieder mal etwas Motivation etwas zu posten.
Grüße zurück :)

Honey hat gesagt…

Es freut mich sehr, dass ich dir wieder zum Schreiben geholfen habe, ich fand es sehr schade, dass du weg warst :/
Ich hoffe ich werde mehr von dir lesen können.
Liebe Grüße Honey ♥

Honey hat gesagt…

Es freut mich sehr, dass ich dir wieder zum Schreiben geholfen habe, ich fand es sehr schade, dass du weg warst :/
Ich hoffe ich werde mehr von dir lesen können.
Liebe Grüße Honey ♥

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